Traumhäuser 1.1

Langsam und behäbig erhob sich die Sonne über dem kleinen Tal. Ein erster Lichtschimmer tauchte die Nadelbäume am Fuße des Sees in sattes Orange. Eintagsfliegen tanzten über das Wasser und wo sie die Oberfläche berührten bildeten sich kleine kreisförmige Wellen. Ein Karpfen nutzte seine Chance und schnellte an die Oberfläche um dem kurzen Leben des Insekts frühzeitig ein jähes Ende zu bereiten. Dann war er, so schnell wie er auftauchte, wieder unter der Wasseroberfläche verschwunden.
Jensen beobachtete das Schauspiel von dem alten Bootssteg aus, den sein Großvater bereits mit dessen Vater gebaut hatte. Alle paar Jahre mussten einzelne Planken ersetzt werden bevor die Feuchtigkeit sie zu morsch werden ließ. Aber im Großen und Ganzen war der hölzerne Steg für die Ewigkeit gebaut. Jensen hatte sich eine braunschwarze Pendeltonwolldecke über die Schultern gelegt und saß am Ende des Stegs. Mit seinen Zehen spielte er im Wasser unter sich. Immer darauf bedacht das die hochgekrempelten Hosenbeine seiner Jeans nicht zu nass wurden. Schwermütig und seinen Gedanken nachhängend nippte er an seinem schwarzen Kaffee. Ein Stockentenpärchen nicht unweit von ihm im Wasser. Das Schnattern holte ihn zurück ins hier und jetzt. Etwas steif erhob er sich und machte sich auf den Weg zu dem kleinen Haus in dem er mit seiner Frau lebte. Er mochte den skandinavischen Einschlag ihrer Behausung. Das rot in dem die Holzwände gestrichen waren verblasste langsam und auch die weißen Sprossenfenster benötigten spätestens im nächsten Jahr einen neuen Anstrich. Auf dem Dach hatte sich eine dicke Schicht Moos gebildet.
Im Vorgarten schlich Spot durch das hohe Gras. Der orange-rote Kater der nur noch auf einem Auge etwas sah, hatte wohl ein Opfer für seine morgendliche Jagtroutine entdeckt und war selbst durch Jensens erscheinen nicht abzulenken.
Lizz liebte den Garten und war stets bemüht ihm seine Wildheit zu lassen. Selbst die Kartoffeln, Zucchinis und Kürbisse hatten ihr eigenes anarchisches System entwickelt um gegenüber Rosen und Wildblumen zu behaupten. Jensen hatte seiner Frau schon oft versucht zuzureden das der Urwald, wie er den Garten liebevoll nannte, zumindest etwas gebändigt gehörte. Lizz schaute ihn dann immer fassungslos mit ihren grossen Mandelförmigen braunen Augen an und erklärte Ihm das nur Mutter Natur das recht dazu hatte und alles gut war wie es ist. Daraufhin erklärte er ihr das auch Mutter Natur ab und zu einen Haarschnitt benötigte. Daraufhin erwiderte Lizz meistens, dass sie jetzt auch anfangen werde alles wild wachsen zu lassen. Jensen erwiderte darauf, dass er sie einfach nachts im Schlaf scheren werde. In Lizz Augen müsste Jensen dann auch Spot rasieren, wenn er so sehr auf rasierte, na sie wissen schon, stand. So ging der Schlagabtausch dann noch eine Weile weiter bis sich beide lachend in den Armen lagen.
Das Holz war bereits frisch im Ofen ein geschürt und das Wasser begann im Teekessel zu kochen als Lizz verschlafen in die Küche tapste. Sie hatte sich eine von Jensens Boxershorts angezogen und trug ein verwaschenes T-Shirt der Football Mannschaft ihres ehemaligen Colleges. Go Tigers! „Ist der Tee schon fertig?“ murmelte Sie Jensen ins Ohr während sie ihn von hinten umarmte. Ihre Umarmungen hätten jede Krake vor Neid erblassen lassen. „Earl Grey, schwarz und kräftig mit genug Zucker um einen Diabetiker umzubringen. Ist gleich fertig mein Schatz.“ Lizz löste sich von Jensen und bändigte ihr volles langes Haar soweit als möglich mit einem Haargummi den sie immer am Handgelenk trug. „Dafür Frühstücke ich nicht und mit meinem Traumkörper kann ich mir das leisten.“ Sie posierte wie ein Modell aus einer ihrer Modezeitschriften vor ihm und wartete auf seine Antwort.
Jensen drehte sich zu der Frau um die er vor etwas mehr als 20 Jahren in sein Leben gelassen hatte und seit dem, keinen Tag missen wollte. Seine Antwort sollte ungehört bleiben, denn Jensens Smartwatch erinnerte ihn unnachgiebig daran, dass es Zeit zum Gehen war. Lizz weiche Züge wurden hart und kühl. Sie schnappte sich ihre Tasse Tee und wich Jensens Versuch einer Berührung aus während sie zielstrebig Richtung Wohnzimmer verschwand. Wie oft hatten Sie diese Szene schon durchgemacht? Mit einem resignierten Seufzer folgte er ihr ins Wohnzimmer.
Lizz saß im Schneidersitz auf dem alten Ledersofa das viel seines Charmes seiner Patina verdankte. Barney die die französische Bulldogge hatte es sich neben ihr gemütlich gemacht und Barneys Kopf lag auf Lizz Oberschenkel. „Wie lang bleibst du diesmal weg?“ fragte sie Jensen über die Schulter hinweg. „Kannst du nicht noch einen Tag bleiben?“ fast flehentlich waren ihre Worte. Jensen trat hinter sie an die Couch heran und legte seine Arme auf Ihre Schultern und küsste sanft Ihren Kopf. „Wie oft wollen wir noch darüber diskutieren, Lizz? Die Oben warten auf meine Ergebnisse und uns war beiden klar, dass ich früher oder später wieder zurück muss.“ Sie beugte sich vor und seine Hände rutschten von ihren Schultern. Lizz stellte die Tasse mit dem heissen Tee vor sich auf den aus einem alten Stamm geschnittenen Beistelltisch. „Immer sind die Oben wichtiger als ich.“ Unter leichtem Protest packte sie sich Barney und nahm ihn wie ein Stofftier zwischen die Arme. „Schau, selbst Barney ist schon ganz traurig das du gehst.“ „Barney ist nur traurig wenn er nichts zum Fressen bekommt…“ Wieder begann Jensens Smartwatch zu vibrieren. Es wurde Zeit, beide wussten es. „Lizz, ich muss gehen.“ „Komm so schnell wie möglich wieder, versprochen?“ Mit einem zarten Kuss zum Abschied gab er ihr das Versprechen ohne sicher zu sein das er es halten konnte. Viel hing davon ab wie die Oben reagieren würden.