Traumhäuser 1.0

Der Morgen erwacht. Die Sonne geht langsam über dem kleinen Tal auf das ich meine Heimat nenne. Der ersten Sonnenstrahlen spiegeln sich auf der Oberfläche des Sees. Kleine Insekten tanzen über das Wasser und ab und an taucht ein Fisch auf und beendet das kurze Leben einer Eintagsfliege. Ich betrachte das Schauspiel vom Steg aus. Ich lasse die Füsse herabbaumeln ins kühle Nass. Eine Decke über den Schultern schenkt etwas Wärme, der Kaffee in meiner Hand mehr. Bald ist es wieder Zeit zu gehen und jedes Mal bricht mir fast das Herz diesen Ort verlassen zu müssen. Nicht weit von mir landen zwei Enten im Wasser und beginnen fröhlich zu schnattern. Liz müsste langsam Erwachen. Also erhebe ich mich mühsam und begebe mich über den Steg zurück zu unserem Domizil.
Unser Haus hat etwas Skandinavisches. Viel Holz, Moos und Gras wächst auf dem Dach. Ein kleiner Garten rahmt unser Reich ein. Dort wächst, was eben wächst. Wir pflanzen nichts bewusst an, alles hat seinen eigenen Rhythmus. Wir haben auch einen Hund und eine Katze. Es ist ein bisschen wie im Paradies. In der Küche schüre ich frisches Holz im Ofen ein und setzte frisches Wasser in einem Topf auf.  Liz bevorzugt Earl Grey.  Stark und Kräftig, mit viel Zucker. Dafür verweigert sie dann auch das Frühstück. Zucker im Tee oder Frühstück. Nicht dass es für mich eine Rolle spielen würde. Ich liebe Liz so wie sie ist. Jede Falte, jedes graue Haar und jedes kleine Kilo zu viel über das sie sich aufregt. Wir sind seit etwa 20 Jahren ein Paar. Sagen wir. Genau können wir es nicht mehr sagen. Gefühlt ein halbes Leben und hoffentlich auch das Restliche.

Arme umschliessen mich. Ich fühle ihre Hände auf meiner Brust und die Wärme ihres Körpers an meinem Rücken. Sie schafft es immer wieder sich an mich heranzuschleichen  ohne das ich es bemerke. Meine Leisetreterin. „Guten Morgen, Schatz.“  Sie küsst meinen Hals. Sie weiss wie wahnsinnig sie mich damit macht. „Tee  ist gleich fertig.“ Ich dreh mich zu ihr um und nehme sie fest in den Arm. Mit einem wohligen Seufzer lässt sie sich in die Umarmung fallen. „Musst du wirklich heute los? Bleib doch noch. Nur einen weiteren Tag!“ Ihre Augen, so traurig. Flehende Sehnsucht. „so sehr ich auch möchte, ich kann den Termin nicht absagen. Die Oben warten auf Ergebnisse.“ „Immer sind die da Oben wichtiger als ich.“ Sie sieht so schön aus wenn sie schmollt und dabei die Lippen zusammen presst. „Das ist nicht fair, Liz. Niemand, auch nicht die Oben, sind wichtiger als du.“ Ich küsse ihre Stirn so wie ich es schon so oft getan habe. „Aber es hilft nichts. Ich werde gehen müssen, um wiederkommen zu können.“ Der Kessel auf dem Herd beginnt zu pfeiffen und reisst uns aus unserer Melancholie. Liz entgleitet meiner Umarmung und konzentriert sich auf ihren Tee. Heisses Wasser ergießt sich auf lose Teeblätter. So unwirklich. So real.
Meine Smartwatch beginnt zu vibrieren. Es wird Zeit. „Ich muss los, Liz. Ich komm so schnell wie möglich wieder.“ „Pass auf dich auf, versprochen?“ „Versprochen.“ Zärtlich küssen wir uns zum Abschied.