Kennen lernen…

Einander kennenlernen, heißt lernen, wie fremd man einander ist.
– Christian Morgenstern

Jeder Neuanfang birgt eine gewisse Magie des Frischen und Unverbrauchten. Wir sind Neugierig, interessiert, offen für den anderen und zwischen rosa Zuckerwattewolken erfreuen wir uns der Schmetterlinge in unserem Bauch. Alles was der neue Mensch im Leben macht, scheint mit Faszination gesegnet zu sein, zumindestens solange der hormonelle Zustand der Verliebtheit mit uns durchgeht.

Nach einer Weile, mal mehr – mal weniger lang, wenn die erste Welle der hormonellen Überflutung sich gesättigt hat und man wieder „klarer“ Denken kann, kommen die Überlegungen. Unser Verstand, des Herzens Feind – Oh du kühler Analytiker, mischst dich in unser Leben ein.

Bevor wir zwei waren – Da waren wir frei – frei zu entscheiden wie wir unseren Tag verbringen – Frei zu entscheiden mit wem wir uns treffen, was wir essen und wenn wir den ganzen Tag wie ein unterkoffeinierter Neandertaler herumlaufen wollten, dann war das zum Teufel noch mal auch unsere Entscheidung.

Jetzt sind wir Zwei und nicht mehr Eins und das andere Eins das uns zweit, ja das ist eine Eins aus einem anderen Alphabet. Ich fühle mich als 1, er oder sie als Eins, vielleicht auch als eIns oder einS? Je mehr wir denken und umso mehr  Zeit wir verbringen, fallen uns die Unterschiedlichkeiten auf. Zwei Einsen haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht – Die Summe aller Teile die sich auseinander genommen betrachtet und wieder zusammen setzten lässt die Acht Achtel oder Drei Drittel die Zusammen wieder Eins ergeben – Wo sind unsere Schnittmengen? Was lässt mich gerne Zwei sein, wenn Eins auch toll ist…

Verdammt nochmal, erst im Zusammensein erkennt man tatsächlich wie unterschiedlich man doch ist. Und leise fragt einen dann die Unsicherheit – Will ich das?

 

Was bedeutet zähmen? Das wird oft ganz vernachlässigt, sagte der Fuchs.
Es bedeutet sich vertraut miteinander machen.
– aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry

Wir sind gerne wilde Einsen, die frei über die Prärie galoppieren. Wir wollen unsere Einsermähne in den Wind werfen, die Nüstern aufblähen und Feld und Wiesen hinter uns lassen. Wenn wir wild sind, dann sind wir unser eigener Wille, unser selbstbestimmter Schutz.

Sich auf einander einzulassen, und anzuvertrauen, bedeutet Mut. Mut zum sich verletzbar machen – Sich zähmen zu lassen, da denken viele das es damit einhergeht seine eigene Freiheit aufzugeben. Ich habe über lange Strecken genauso gedacht. Es gab immer wieder diesen Moment in dem in einer Beziehung alle Warnglocken losläuteten und mein ganzes System danach lechzte wieder frei sein zu dürfen.

Dabei war ich in jeder Sekunde, jeder Minute frei – Frei zu entscheiden ob mir gut tut was ich zu lasse – Frei zu entscheiden ob ich bleibe oder ob ich gehe. Niemand nimmt Dir die Freiheit wenn du dich zähmen lässt.

Sich gegenseitig zu zähmen, um bei dem Zitat zu bleiben, ist verbunden mit einem Zeitrahmen. In dieser Zeit erkennen wir uns als Einser, in dieser Zeit lernen wir uns in unserer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren, in dieser Zeit lernen zwei Einser ob sie ein Zweier werden wollen und sich auch nicht in ihrer Eintel Individualität gefährdet sehen.

Sich kennen zu lernen und sich zu erkennen – füreinander, miteinander oder auch letzten Endes auseinander – Wenn wir uns nicht darauf einlassen, werden wir es nie erfahren…

Gute Reise Einser!