Der alte Herr

Auf meiner immer noch improvisierten Kommode steht ein Telefon, nichts besonderes mag man meinen. Ein Telefon steht heutzutage in so gut wie allen Haushalten, meistens sogar mehrere mit Freisprechfunktion, kabellos, übergrosses Display und hunderten von Klingeltönen, Anrufbeantworter selbstverständlich integriert.

Mein alter Herr ist etwas in die Jahre gekommen. Der Hörer liegt schwer in der Hand, das Kabel lässt nicht viel Spielraum für weite Gänge und um allein die Telefonnummer über die Scheibe zu wählen braucht es eine Weile. Dafür surrt es leise wenn die Scheibe zurück in die Ausgangslage springt und der Klang der Stimme ist gedämpft als würde man von Kontinent zu Kontinent telefonieren.

Ich mag das bestimmende RingRing wenn jemand doch einmal auf meinem Festnetz anruft. Es hat nicht diesen hetzenden Charakter der Klingeltöne moderner Geräte die einen aufspringen lassen um zum Telefon hetzen. Ab und zu rufe ich mich sogar zu Hause selber an, nur um dieses RingRing zu hören und dann lächel ich und lege auf.

Raustelefonieren kann ich zur Zeit nicht mit dem alten Herren die Technik eines W28 verträgt sich nicht mehr mit ISDN/DSL/Fritzboxen und Co. Ich müsste meinem Dinosaurier der Telefontechnik erst einen Wandler schenken. Ihm sozusagen erst ein paar künstliche Hüften verpassen damit er wieder hinaus in die Welt telefonieren kann. Ich gönne meinem alten Herrn die Ruhe und bedränge Ihn nicht mit der Moderne, schliesslich ist sein Ur-ur-ur-ur(?)-Enkel ja auch noch da.

Langezeit habe ich mich gegen ein Smartphone gesträubt, mein erstes Mobiltelefon war ein Nokiaknochen mit dem man nicht nur telefonieren konnte, sondern auch Menschen erschlagen wenn man wollte. Es folgten modernere Versionen aber immer war es nur ein mobiles Telefon. Früher habe ich immer gesagt das ich nur ein Gerät will mit dem man das grundlegende Bedürfnis erfüllt: Anrufen und Angerufen werden und ab und zu eine SMS versenden.

Zeiten ändern sich und heute ist mein Samsung mein ständiger Begleiter und zugleich meine Fussfessel. Die Möglichkeiten ständig informiert zu sein, kurz mal was im Netz checken, sich auf Social-Media-Plattformen rumtreiben, nur mal kurz was per Whatsapp schreiben, was da kommt ne neue eMail? Wart ich schau schnell nach…

Ich gehöre eigentlich nicht zu den „Früher-War-alles-Besser“ Sagern. Nein früher war es anders, geschuldet an die Zeit in der wir aufgewachsen sind und den technischen Möglichkeiten die uns zur Verfügung standen. Nichtsdestotrotz fand ich mein früher, verbindlicher…

Wolltest du mit deinem Kumpel spielen bist du zu ihm rübergegangen und hast ihn aus dem Haus geklingelt oder auf dem Spielplatz getroffen.
Jemand zog weg oder war weiter entfernt schrieb man sich Briefe und freute sich über die Rückantwort, oder man griff eben zum Festnetz und rief einfach an. Wie war das noch gleich wenn man sich mit seiner Freundin verabreden wollte und man rief sie zu Hause an und natürlich hatte man erst ihre Mutter oder im schlimmeren Fall ihren Vater an der Strippe. „Hallo, hier ist… könnte ich bitte ihre Tochter/Name sprechen…“ Das kurze, oder längere Schweigen am anderen Ende der Leitung und die Gnade der elterlichen Obrigkeit wenn dann doch der Hörer abgegeben wurde. Achja.

Hatte man die Person seiner Wahl am Hörer machte man etwas aus und zwar verbindlich. Lass uns treffen Am / Um / Dort; Und dann war man eben am, um genau dort. Es gab nicht die Möglichkeit kurzfristig etwas um zu planen oder zu verwerfen.
Mit dem Smartphone habe ich zeitweise das Gefühl das Treffen zu Unverbindlichkeiten verkümmern. Man kann ja noch schnell absagen oder was verschieben. Wir sind ja schliesslich fast immer und überall erreichbar. Ich möchte die neue Technik nicht verteufeln, immerhin bin ich auch Nutzniesser von ihr. dennoch schmeckt mir die digitale Schnelllebigkeit dieser Tage nicht mehr so wie früher.

Wenn ich mich heute ertappe wie ich auf mein Samsung starre und auf eine Nachricht warte, frage ich mich was ist mit mir los? Mit der allgegenwärtigen mobilen Erreichbarkeit geht eine Erwartungshaltung einher auch eben dieses zu sein. Früher schickte man auch nur eine SMS und die Antwort kam schon irgendwann und wenn es dringend war rief man eben sofort an.
Heute passiert es viel zu schnell das man jemanden eine Nachricht schickt und sich selbst ertappt das man verärgert reagiert wenn nicht direkt eine Antwort folgt, oder man fragt sich warum antwortet der andere nicht. Hirnrissig und umso mehr ärgere ich mich über mich selber wenn ich in die gleiche Falle tappe.

Die Crux ist wohl den gesunden Mittelweg zu finden zwischen dem Nutzen und den Vorteilen der heutigen Technik, sich aber nicht das Leben und den Alltag davon diktieren zu lassen.

Mein alter Herr aus Bakelit ist meine Ermahnung an mich selbst, Dinge auch mal etwas langsamer angehen zu lassen, nicht immer erreichbar sein zu müssen und das nicht jeder Tag in Highspeed auf der Datenautobahn verlebt werden muss. (Auch wenn es nicht immer einfach fällt)

Danke, gutes altes W28

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